ÜBER UNS
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Ausschreibung der ARTQuerfeld 2012 zum Thema

(English Text below)

Thema ARTQuerfeld 17.-18. März 2012

– NACKT –

Ist Nacktheit anziehend?
Nackt, nackert, nackicht oder nackend – das Thema der ARTQuerfeld 2012 berührt eine Tabuzone. Wir sprechen von der ungeschminkten Wahrheit oder von nackten Tatsachen und meinen damit die Dinge, wie sie sind und nicht als was sie uns vielleicht auf den ersten Blick erscheinen. Nacktheit – das ist Freiheit ebenso wie Scham: Wir werden nackt geboren und einer ungewissen Umwelt ausgeliefert, von der wir (zumindest anfangs) nichts wissen. Kleidung verspricht Wärme und Schutz gegen die Kälte, aber zugleich engt sie uns ein. Die schützende Hülle repräsentiert jedoch auch Macht. Nirgends wird dies deutlicher, als wenn bekleidete Menschen auf nackte Menschen treffen: Meist zeigt sich dann ein – mehr oder weniger – subtiles Machtgefälle zwischen angezogenen und unbekleideten Personen – Kleidung wirkt jedoch nicht nur gegen Kälte, sondern auch gegen Blicke. Nacktheit ist in jedem Fall ein Sich-Aussetzen: Sie kann körperlich, aber auch seelisch sein. Wann immer uns etwas unverhüllt begegnet, werfen wir einen Blick auf das, was es ist.

Nacktheit – die maximale Ausgesetztheit?
Schon immer waren Künstler und Künstlerinnen vom menschlichen Körper fasziniert und daran hat sich auch durch die Jahrtausende wenig geändert – ob Höhlenmalerei, antike Statuen, mittelalterliche Fresken, Renaissance-Kunst oder auch die Nacktheiten der heutigen Zeit: Gerade dieses Thema barg immer schon eine maximale Ausgesetztheit, nicht nur des Modells, sondern auch seitens des Künstlers oder der Künstlerin. An dieser Stelle sei auf Gustave Courbets Skandalgemälde L’Origine du Monde des Jahres 1866 hingewiesen: Geheimnis und Verhüllung, Präsentation und Sich-Aussetzen liegen wohl nirgends so nah beisammen wie in diesem Werk. Eine Frau, deren Gesicht und Oberkörper verhüllt sind, liegt auf einem Bett. Ihre Beine sind gespreizt und ihre behaarte Vulva bildet den Mittelpunkt des Gemäldes. Der Blick des Betrachters wird förmlich zum Ursprung der Welt gezogen. Die Welt ist der geordnete Raum, den jeder neue Mensch durch den Schoss seiner Mutter betritt: Sie „duldet als das Sich-Öffnende kein Verschlossenes“. Die Erde ist, laut Heidegger, „das wesenhaft Sich-Verschliessende“. Welt und Erde stellen hier zwei gegensätzliche Prinzipien dar, die in ihrer Spannung die Entstehung des Kunstwerks erst ermöglichen. Courbets unverstellter Blick auf die Entstehung der Welt wurde zum Mythos: Das Gemälde hat eine wilde Irrfahrt zwischen Orient und Okzident sowie zwei Weltkriege hinter sich, bevor es dreissig Jahre in Privatbesitz verschwand und erst 1988 wieder öffentlich ausgestellt wurde.

An diesem Beispiel wird eine doppelte Nacktheit und damit auch ein ebensolches Risiko erfahrbar: die des Modells wie auch des Künstlers. Künstlerische Auseinandersetzung kehrt das Innere nach aussen und macht eine Idee sicht- und angreifbar. Man könnte so weit gehen und behaupten: Ohne persönliche Preisgabe, ohne das Risiko, sich auszusetzen, entsteht kein Kunstwerk. Das Ergebnis muss zwar nicht immer vor einem Publikum präsentiert werden, aber der Akt der Entstehung muss wahrhaftig und ohne Skrupel sein. Dies gilt nun für jede Art der künstlerischen Auseinandersetzung: Ohne Hingabe braucht man gar nicht erst anzufangen: Wir verstehen Nacktheit als einen schonungslosen Blick auf sich selbst wie auch auf das eigene Werk. Der nackte Blick reicht nicht nur bis an die Oberfläche des Sujets, sondern dringt tiefer bis zu den essentiellen Schichten.

Die ARTQuerfeld 2012 möchte Künstlern und Künstlerinnen einen Raum geben, um sich und ihre Werke auszusetzen und einen ungeschminkten, unverstellten Blick auf den Schaffensprozess zu gewähren. Wir freuen uns auf neue Ansichten und Interpretationen zu diesem Thema.

 

Martin Heidegger: Der Ursprung des Kunstwerks, Ditzingen 1999, S. 46.
Heidegger: Der Ursprung des Kunstwerks, S. 44.

 

 


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(German Text above)

ARTQuerfeld 17.-18. März 2012

– Naked –

Risks and Nudities
Bare, naked, nude – ARTQuerfeld’s topic of 2012 touches a taboo. We talk about the naked truth and bare facts meaning the things how they are and not how they might appear at first sight. Nudity – that is freedom as well as shame. We are born naked – exposed to an alien environment of what we do not know anything. Clothing, however, promises warmth against the cold while at the same time limiting us. Besides, it represents social statuses as well. This becomes clear when appareled people meet naked ones – a more or less subtle imbalance of power becomes obvious. Nudity is always an exposure to whatever may come. However, not only the body, but also the soul can be stripped naked. When someone encounters us uncovered, we can see how s/he really is.

Nudity – pretty terrible?
All through the centuries artists have been fascinated by the human body – take cave-painting, antique statues, medieval frescoes, renaissance paintings, and the nudities of today. Being naked comprises a maximum of exposure, not only of the model, but of the artist as well.

Gustave Courbet’s scandalous L’Origine du Monde forms therefore the perfect example – mystery and exposure, presentation and disguise have never been that close together in one work of art. L’Origine du Monde shows two forms of nudity – the artist’s as well as his model’s. A woman, whose face and breasts are covered, lies on a bed with her legs spread. The oil painting displays a close-up view with the genitals and abdomen right in the center. One’s gaze is drawn directly to the Origin of the World – one cannot help, but watch. The world is often characterised as a well-ordered space, which the baby enters through the mother’s womb. Women give birth to a cosmic order. Or as philosopher Martin Heidegger puts it: the world „duldet als das Sichöffnende kein Verschlossenes“1. On the contrary, the earth is, according to Heidegger, the opposite of the world: „Die Erde ist das wesenhaft Sich-Verschliessende.“ World and earth therefore form two antithetic principles, which via tension enable the genesis of a work of art. Courbet’s undisguised view on the Origin of the World represents such a work of art – fitting exactly into Heidegger’s idea of the openness and disguise. The painting itself became a myth: it has made a wild odyssey between Orient and Occident and through two World Wars, before it disappeared for thirty years without a trace. It was not until 1988, before it was exhibited again in New York.

Any artistic approach to its motif turns the inside out making the sujet visible and vulnerable. One could argue that without any personal risk a work of art cannot come into being. Some works remain in private, some are presented in a public sphere, but the act of creating itself has to be honest and to some extent ruthless. This counts for all acts of artistic creations: why create something without passion and commitment?

At the ARTQuerfeld 2012 we are going to present works of art which display an honest and ruthless view to their subjects – whatever the might be. Our view is not to stop at the smooth surfaces, but to show the truth on an essential level. Our exhibition is addressed to all artists who dare to show their undisguised works in public. We are looking forward to new perspectives and interpretations...

Martin Heidegger: Der Ursprung des Kunstwerks, Ditzingen 1999, S. 46.

Heidegger: Der Ursprung des Kunstwerks, S. 44.

 

 

 



   

 

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